Die letzten Tage meiner Djerba


 

Übersetzer /Translator

 

Für alle die einen sehr schweren Weg vor sich haben, die mit einer heimtückischen Krankheit Ihres geliebten Hundes leben und die sich mit der Endgültigkeit dieses Wissens auseinander setzen, habe ich zum zweiten Todestag meiner großen Liebe Djerba, 2.Mai. 2016, unsere Geschichte zu erzählen.......

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Wenn Engel reisen

Und wieder sehe ich dieses Geschöpf. Es sitzt gerade auf einem Stein oberhalb des Waldrandes, hat die Arme in den Schoß gestützt und die Schwingen ganz entspannt zur Seite gelegt. Das feine Gesicht sieht dabei nicht nachdenklich aus, eher als warte es darauf, dass wir weiter gehen.

Ich gehe mit meiner Hündin spazieren und ich weiß, dass ich nicht mehr viele dieser Wege mit ihr zusammen entlang gehe. Sie hat eine heimtückische Krankheit und  ich als Mensch habe die Aufgabe und die Entscheidung zu treffen, wann ich sie erlösen muss. Ja es ist dieses verflixte„muss“! Es muss sein.

Das heißt aber auch sie nicht mehr atmen zu hören, sie nicht mehr springen sehen, sie nicht mehr schimpfen hören, wenn sie partout nicht an die Leine will. Es heißt, nicht mehr über sie hinwegsteigen zu müssen, nicht mehr ihre kühle Nase in meiner Jackentasche zu spüren, wenn sie nach einem Leckerchen kramt.

Während wir langsam weiterschlendern, fliegt auch das Wesen mit.

Es ist größer als eine Amsel, aber kleiner als eine Elster und wider zu erwarten ist der Todesengel „weiß“.

Ich bin verwundert wie fröhlich er ist, denn das passt gerade nicht in meine Gedanken, die so schwarz und voller Kummer sind.

Er schlägt Loopings, fliegt Kreise, setzt sich ab und zu ins Geäst eines Baumes und schaut auf uns herab.

Ich überlege wie ich einem normalen Menschen erklären soll wie ich ihn sehe??!

Wie durch Glas, ..- nein falsch, eher wie durch Plexiglas, - durchsichtig?? Nein eher verschwommen?? Auch nicht!                           Ich versuche mich zu konzentrieren, während der Engel auf einem erhöht liegenden Stein sitzend unseren Weg mit den Augen begleitet.

Ja dann fällt mir die Erklärung ein. Er ist sichtbar durch meinen Geist und fühlbar durch meine Seele.                                             Dies ist nur möglich, wenn man bedingt durch unendlich tiefen Schmerz und  Trauer, seine unglaublich tiefe Liebe zu diesem Tier entdeckt. Dieses Zusammenspiel lässt ihn sichtbar werden.

Ich weiß ganz genau, wann ich dieses weiße, schwingenbesetzte kleine Wesen zum ersten Mal gesehen habe!

Die Diagnose der Krankheit erfüllt mich mit der Wucht einer umstürzenden Eiche die mich erschlägt. Ich stehe im Behandlungsraum, schaue auf das Röntgenbild und weiß direkt bescheid. Eigentlich habe ich diesen Beweis gar nicht gebraucht. Schon vier Wochen zuvor habe ich meine Hündin nachts, während des Schlafes, in meinem Kopf bellen hören. Ein ganz kurzer Gruß. Klar, hell, kräftig! Ich war sofort wach! Und ich wusste sofort warum ich wach war. Dies ist mir bereits schon vorher passiert. Und die Botschaft eindeutig.

Mein Herzensjunge Immo, ein stattlicher, sich nur an mir orientierender Rüde, hatte vier Wochen vor seinem Tod 4 Mal klar und deutlich mit Jungrüdenstimme in meinem Kopf gebellt. Ich war aufgeschreckt und ins Wohnzimmer gelaufen. Aber er lag tief und fest schlafend vor mir. Ich konnte gar nicht glauben das er schlief, so präsent war dieses Bellen im Kopf und irgendwie hat es mich beunruhigt. 4 Wochen später, nach dem Morgenspaziergang, lag er regungslos im Garten. 

So stehe ich nun mit meiner geliebten Hündin im Sprechzimmer und ich spüre wie mich das Vakuum erreicht, das mich in eine gewisse unnatürliche Ruhe stürzt. Nach dieser Diagnose liegt die Lebenserwartung zwischen 3 Woche und drei Monaten. Meine Gedanken sind klar, hell und gezielt. 

„Frau Dokter, ich fahre in 2 Wochen nach Dänemark, wird sie das noch schaffen??“

Frau Dokter ist auch nicht der liebe Gott, schon klar, aber ich frage was sie an meiner Stelle täte, wenn sie diese Diagnose ihrem eigenen Hund gestellt hätte. Sie sagt, dass sie fahren würde, denn das wäre vielleicht auch für das Tier noch ein Höhepunkt und würde ihr helfen.

So bibbere ich jeden Tag, ob wir es erst einmal bis zum Urlaub schaffen.

Ja! Wir treten unseren Urlaub an. Unsere Hunde bemerken die Reisestimmung und alle Augen leuchten.                                         Es geht ans Meer, welches so geliebt, erlebt und genutzt wird. Ins Wasser laufen, den Möwen folgen und meine Hündin wird wie immer ihre beiden Kinder, Aik und Bellinchen daran hindernwollen bis nach Norwegen zu schwimmen.                                               Laut bellend und mit hoher Geschwindigkeit holt sie selbst ihren Sohn ein und sagt ihm klar: Norwegen ist hier bei uns mein Freund!

Wir kommen nach langer Fahrt an und gleich machen wir uns auf zum Strand. Heute ist ein Tag der Winde, der Wolken und des Regens, aber als wir dort erscheinen, öffnet sich das Wolkenmeer und die Sonne schaut hier und da hinunter.                             Meine Hündin habe ich nun separat aus dem Auto geholt. Sie kann und darf ihren Sohn nicht zurückholen.                                         Das könnte böse enden und der Urlaub wäre vorbei.

Da läuft sie hin zu den gischtigen Wellen, taucht ein und starrt über das Meer.                                                                               Ein kurzer Regenschauer und ich schwöre, es ist wirklich nicht erfunden,…-- sie steht in einem Regenbogen.                                       Ich heule Rotz und Wasser über diese Sinnbildlichkeit, will ein Foto machen, aber werde durch ihr heftiges Bellen und einen ankommenden Hund daran gehindert. Vielleicht sollte es nicht sein.                                                                                                   Vielleicht nur ein Moment, der in Gedanken festgehalten werden darf.

10 Tage des Urlaubs vergehen. Dank Schmerzmedikamenten kommt ein Gefühl der Normalität in uns hoch.                                     Dann am 11 Tag,- trotz Medikamente, das erste Humpeln.                                                                                                                 Sofort ist es da, das Gefühl der Machtlosigkeit und des Wissens.

Meine Stimmung fällt Schlagartig.

Wir schaffen trotzdem noch die letzten drei Tage. Ich habe ihr Fell gebürstet und die Haare zu einem Büschel geformt.                   Auf ihrer Lieblingswiese in Dänemark habe ich diese Haare an einer Stelle unter einer Grasnarbe versteckt.                                         Ich wollte, dass etwas von ihr in ihrer geliebten zweiten Heimat zurück bleibt.            

Der Abschied am Meer, als sie das letzte Mal durch den Sand stapft ist für alle unerträglich.

Dann fahren wir nach Hause. Es ist ein Freitag. Ich habe viele Brötchen und Kaffee für die Heimreise gemacht.                                   Eigentlich bin ich ganz gut gelaunt und dankbar diesen schönen Urlaub zu Ende gebracht zu haben.

Unvorbereitet trifft es mich. Es ist als ob mich etwas gestreift hat und nun ist er da.  

Schmerz…der Schmerz des Verlustes und das "Danach" das mich erwartet…die Worte „nie mehr“ tauchen auf und die Plätze an denen Djerba liegt, sind vor meinem geistigen Auge leer…

Und dann sehe ich zum ersten Mal dieses Geschöpf.                                                                                                                           Es sitzt auf dem Armaturenbrett unseres VW-Buses und schaut mich an. So ein liebevolles, weißes, kleines zartes Gesicht.

Und ich weiß sofort, das ist der Todesengel, der mich vor ein paar Minuten mit seinen Schwingen berührt hat und mir die unwiderbringlichkeit der Tatsache in meine Seele rief.

Augenblicklich frage ich mich in Gedanken warum er Weißgefärbt und nicht Schwarz ist.                                                               Und die Antwort kommt sogleich – weil es ein Grund zur Freude für ihn ist, wenn er meinen Hund begleitet und sie nach Hause kommt.

Das Wesen flirrt an mir vorbei und setzt sich auf das kleine Fenster innerhalb der Fahrerkabine und schaut rückwärtig in den Innenraum, der zu unseren Hunden führt. Ich ducke mich nicht, denn es fliegt ausgesprochen sicher in Ziel und Landung.           Mein Mann reicht mir die Tempos, weil ich nass geheult bin. Ich trockne mir die Tränen und bin immer noch verwundert, was ich da fühle und geistig sehe. Lege die Verpackung der Taschentücher auf das Armaturenbrett, bin mir aber nicht sicher ob ich es wieder wegnehmen soll, weil der Platz da ja zum sitzen ist. Lasse es dann aber da, könnte ja auch weicher für diesen Engel sein.               Bin ich eigentlich irrsinnig geworden???

Nein!

Heute, während unseres innigen Beisammenseins, unseres Morgenspaziergangs, ist der Engel wieder da.

Ich empfinde es gerade als tröstlich, denn der kleine Geselle verbreitet immer ein gutes Gefühl.

Zum ersten Mal ist er auf  meinem Mädchen gelandet, hat sich ins Fell auf den Rücken gelegt, seine blassen weißen Händchen um die Fellsträhne gewickelt und sich tragen lassen. Als läge er auf einer Wiese und würde sich wohl fühlen, als läge er auf einem Lammfell und würde es genießen.

Ich weiß nicht was passieren wird wenn es soweit ist, aber ich werde es erzählen, damit ihr unbesorgt Eure Lieben ziehen lassen könnt, mit einem Lächeln, weil es ein guter neuer Weg ist!

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Am 8. April 2014 schrieb ich diese erlebte Geschichte. Am 2. Mai 2014 habe ich meine Hündin erlöst. Sie starb in meinen Armen.

Der Schmerz und Kummer wollten erst nicht weichen - Heute, 2 Jahre später, sehe ich sie in meinen Gedanken mit ihrem weißen Begleiter spielen - frei von Schmerz und mit glücklichem Bellen.........